Ihre Bücher verbinden Herkunft, Recherche und literarisches Zeugnis
- Geboren 1993 in München, lebt sie heute in Leipzig und arbeitet als Autorin und Journalistin.
- Ihr Schreiben kreist um Jesidentum, Syrien, Migration, Gewalt, Queerness und Erinnerung.
- Zu den wichtigsten Büchern gehören Die Sommer, die verbrechen, Vierundsiebzig und Rückkehr nach Syrien.
- Sie schreibt nicht nur Prosa und Lyrik, sondern auch Essays, Reportagen und Kolumnen.
- 2026 wurde sie mit dem Jeanette-Schocken-Preis ausgezeichnet.
Herkunft und literarischer Weg
Ronya Othmann wurde 1993 in München geboren und lebt heute in Leipzig. Ich halte es für wichtig, ihren biografischen Hintergrund nicht als dekorative Randnotiz zu lesen: Sie ist Tochter eines kurdisch-jesidischen Vaters und einer deutschen Mutter, und genau aus dieser doppelten Perspektive gewinnt ihr Schreiben seine Spannung. Wer ihre Texte liest, merkt schnell, dass hier private Erinnerung und historische Erfahrung ineinandergreifen.
Formal ist sie sehr beweglich: Sie schreibt Lyrik, Prosa, Essays und journalistische Texte. Seit 2021 veröffentlicht sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Kolumne Import Export; zuvor schrieb sie gemeinsam mit Cemile Sahin die taz-Kolumne Orient Express. Das erklärt, warum ihre Sprache oft präzise, argumentativ und zugleich literarisch verdichtet wirkt. Von hier aus ist der Schritt zu ihren Themen fast zwangsläufig.
Gerade diese Mischung macht verständlich, weshalb ihre Texte so konsequent um Erinnerung, Zugehörigkeit und Gewalt kreisen.
Welche Themen ihr Schreiben prägen
Ich lese ihre Bücher vor allem als Versuch, das zu retten, was leicht verschwindet: Namen, Orte, Sprachreste, Familiengeschichten und Zeugenaussagen. Wiederkehrend sind dabei der Genozid an den Jesiden, die syrische und kurdische Geschichte, Flucht und Migration, aber auch queere Perspektiven, Rassismus, Gewalt und Diskriminierung.
- Erinnerung und Zeugenschaft - ihre Texte fragen, was Literatur bewahren kann, wenn Archive lückenhaft sind oder Geschichten verdrängt werden.
- Jesidische Geschichte - sie schreibt nicht abstrakt, sondern aus einer familiär und historisch belasteten Nähe heraus.
- Syrien und Kurdistan - Orte erscheinen bei ihr nie folkloristisch, sondern als politisch und emotional umkämpfte Räume.
- Sprache und Identität - sie zeigt, wie schwierig es ist, Erfahrung in eine Sprache zu überführen, die ihr immer schon hinterherhinkt.
- Gegenwartspolitik - ihre Essays und Kolumnen greifen Konflikte auf, ohne die literarische Form zu opfern.
Was ich daran überzeugend finde: Sie macht aus biografischer Nähe keinen Selbstzweck. Die Nähe ist Material, aber das Ziel bleibt Literatur, nicht bloße Selbstvergewisserung. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf die Bücher selbst.

Die wichtigsten Bücher im Überblick
Wer sich einen schnellen, aber belastbaren Überblick verschaffen will, sollte mit den Büchern beginnen, die ihre Entwicklung am klarsten markieren. Ich würde sie nicht streng nach Bekanntheit lesen, sondern nach Zugriff: erst erzählerisch, dann lyrisch, dann dokumentarisch.
| Buch | Jahr | Form | Worum es geht |
|---|---|---|---|
| Die Sommer | 2020 | Roman | Der Debütroman erzählt von Familie, Sommern in Syrien und dem Zerfall einer Welt, die lange als selbstverständlich galt. |
| die verbrechen | 2021 | Gedichtband | Hier verdichtet sie Geschichte, Gewalt und Erinnerung in einer poetischen Sprache, die knapp bleibt und trotzdem viel trägt. |
| Vierundsiebzig | 2024 | dokumentarischer Roman | Das Buch kreist um den Genozid an den Jesiden 2014 und verbindet Recherche, Reise, Familiengeschichte und literarische Reflexion. |
| Rückkehr nach Syrien | 2025 | Reisereportage | Der jüngste große Text schaut auf Syrien nach dem Sturz Assads und fragt, wie ein Land nach Diktatur und Krieg weitererzählt werden kann. |
Wenn ich jemanden an ihre Arbeit heranführe, würde ich die Reihenfolge meist so wählen: Die Sommer für den erzählerischen Einstieg, die verbrechen für den Blick auf ihre Sprache, Vierundsiebzig als zentrales Werk und Rückkehr nach Syrien für den aktuellen politischen Kontext. Wer nur ein Buch liest, sollte nicht den bekanntesten Titel nehmen, sondern den passendsten.
Die Titel zeigen auch, dass Othmann kein festes Genre braucht, um sich klar zu positionieren. Genau das macht den nächsten Schritt interessant, nämlich die Frage, warum gerade Vierundsiebzig so stark wahrgenommen wurde.
Warum Vierundsiebzig so stark wirkt
Mit Vierundsiebzig hat Othmann einen Text vorgelegt, der sich bewusst gegen eine glatte Gattungszuordnung sperrt. Der Roman verbindet Reisereportage, historische Rekonstruktion, Gesprächsprotokoll und Autobiografisches, um den Genozid an den Jesiden 2014 nicht als abstrakte Schlagzeile, sondern als fortwirkende Realität lesbar zu machen. Gerade diese Form ist entscheidend: Das Thema verlangt nicht nur Inhalt, sondern eine Sprache, die den Riss zwischen Erinnerung, Fakten und persönlicher Betroffenheit sichtbar hält.
Für Leserinnen und Leser ist wichtig zu wissen, dass das kein leichter Stoff ist. Das Buch ist intensiv, politisch und emotional fordernd, belohnt aber mit Präzision und moralischer Klarheit. Wer reine Plotspannung erwartet, wird hier nicht glücklich. Wer verstehen will, wie Gegenwartsliteratur Zeugnis ablegen kann, findet ein starkes Beispiel.
- Stärke - die Verbindung von Recherche, eigener Familiengeschichte und literarischer Reflexion.
- Wirkung - das Buch macht sichtbar, wie Gewalt sich in Sprache, Landschaft und Erinnerung einschreibt.
- Leserhinweis - am besten ohne Eile lesen, denn der Text arbeitet eher mit Nachhall als mit Tempo.
Damit ist schon viel über ihren Stil gesagt, doch die Frage bleibt, wie man Othmann als Autorin insgesamt einordnet.
Wie ihr Stil Literatur und Journalismus verbindet
Stilistisch bewegt sich Othmann zwischen poetischer Verdichtung und journalistischer Genauigkeit. Sie schmückt nicht, sie setzt; sie erklärt nicht alles aus, sondern lässt Leerstellen stehen, wenn die Wahrheit eines Themas gerade in diesen Lücken liegt. Ich halte das für eine ihrer größten Stärken, weil es den Texten Ernst und Rhythmus gibt, ohne sie trocken werden zu lassen.
Das ist auch der Grund, weshalb ihre Arbeit im Literaturbetrieb und im Feuilleton so präsent ist. Neben den Büchern hat sie mehrfach Preise erhalten, darunter den MDR-Literaturpreis, den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs und den Mara-Cassens-Preis. Solche Auszeichnungen sind nicht nur Schmuck am Rand, sie zeigen, dass ihre Texte sowohl ästhetisch als auch inhaltlich als relevant gelesen werden.
Wer Literatur sucht, die sich nicht mit Distanz begnügt, sondern Verantwortung übernimmt, bekommt hier genau das. Zugleich bleibt Othmann literarisch genug, um nie zur reinen Kommentarstimme zu werden.
Was 2026 an ihrem Werk besonders lesenswert ist
Aktuell, im Jahr 2026, lässt sich ihr Werk am besten über zwei Linien lesen: als literarische Auseinandersetzung mit jesidischer und syrischer Geschichte und als fortlaufende Beobachtung politischer Gegenwart. Rückkehr nach Syrien zeigt, dass Ronya Othmann ihre Arbeit nicht abgeschlossen hat, sondern immer weiter an denselben offenen Fragen arbeitet: Was bleibt von einem Land nach der Diktatur? Wie erzählt man über Gewalt, ohne sie zu glätten? Und wie lässt sich eigene Herkunft so erzählen, dass sie mehr wird als Selbstbespiegelung?
Für mich ist genau das der Grund, warum man sie 2026 nicht nur als Autorin mit einem klaren Themenprofil lesen sollte, sondern als eine der wichtigsten Stimmen der Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum. Wer mit ihr beginnen will, greift am besten zu dem Buch, das die eigene Leseabsicht am besten trifft, und liest dann weiter quer durch Prosa, Gedichte und Reportagen.
So entsteht das eigentlich Interessante an ihrem Werk: Kein Band steht für sich allein, sondern jeder erweitert den Blick auf dieselben historischen und persönlichen Linien.
